Vorheriger Artikel   Übersicht   Startseite   Nächster Artikel

14.05.2010 von eb , - Aktuelle Artikel

Geoengineering

Basteleien an der Welt.

(C)  Zum Vergrößern anklicken.
bild

Bei der deutschen Ausgabe von Wikipedia wird Geoengineering als Eingriff in geochemische oder biogeochemische Kreisläufe beschrieben, wobei es sich lohnt zusätzlich die englische Version betreffs Geotechnical Engineering zu vergleichen. Denn ein Oberbegriff bei dem man lediglich das Kürzel "Geo" von Geologie, mit dem Wort "Maschinenbau" zusammen gesetzt hat, lässt doch eine größere Spannbreite an Möglichkeiten zu, als die Vorgabe beim deutschen Wikipedia. Zudem fallen einige Ideen und sogar bereits angetestete Projekte darunter, die eigentlich wenig mit Maschinenbau zu tun haben. Böse Zungen, vorwiegend aus dem Lager der Science-Fiction-Fans, sprechen daher eher vom Terraforming, was auch nicht ganz unrichtig ist. Generell kann man wohl bei Ideen und Vorhaben unter dem Oberbegriff Geoengineering, von menschlichen Aktionen sprechen, welche Auswirkungen auf den gesamten Globus haben.

Wenn man sich allerdings eine Weile durch die Ideen und Projekte der Macher durchliest, die Motivationen und Geschäftsfelder vergleicht, dann bleibt nicht selten die Frage offen, - warum?

Sind es nötige Maßnahmen? Geschäftemacherei? Destruktiver Konstruktivismus oder einfach nur das Ausleben neuer technischer Möglichkeiten? Auffällig ist z.B. eine ständige Verbindung mit Themen wie Klimaschutz, CO2 und Erderwärmung. Dies ist nicht wenig irritierend, denn bezüglich dieser Größen werden am Met Office im südenglischen Exeter ja erst die brauchbarsten Simulationsprogramme getestet, welche uns in Zukunft sinnvoll kalkulierbare Zahlen liefern sollen, - mit denen es dann erst möglich sein sollte, eventuell eingreifende Aktionen zu starten. Was kaum hilfreich sein dürfte, den Verdacht einer etwas vorschnellen Etablierung von Geschäftsfeldern aus dem Weg zu räumen. Ganz besonders nicht, wenn aus dieser Ecke immer von einem Plan "B" gesprochen wird, - also die technische Notlösung für den Fall, dass anstehende Probleme sich nicht durch der Menschen Vernunft lösen lassen könnten. Ebenfalls interessant ist ein Vergleich der entsprechenden wissenschaftlichen Arbeiten zwischen den zwei großen Wissenschaftsplattformen; Science und Nature. Denn wie es aussieht, sollte es mehr aus industrieller-, denn aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet werden. Jedenfalls hat sich unter dem Allgemeinplatz "Geoengineering", auch im europäischen Raum bereits eine muntere Gemeinde von Industrien und Unternehmungen mit Schnittstellen zur Wissenschaft installiert, die dem Gedanken, dass es zwingend nötig ist, natürlich nicht widersprechen werden.

Den größten Aufmerksamkeitsgrad erfuhr in Deutschland wohl die Aktion des Alfred-Wegener-Instituts, welches einen partiell eingegrenzten Flecken Meeres von 300 Quadratkilometern durch Zugabe von 6 Tonnen gelöstem Eisen zur vermehrten Algenproduktion anregen wollte, welche wiederum dann eben vermehrt CO2 abbauen sollten. Das Resultat entsprach den Kritiken, welche der Idee und dem Ablauf eine leicht naiv anmutende mechanistische Denkweise vorwarfen, die sich nicht mit realen Komplexitäten auseinandersetzt und zu vorschnellen Aktionen ohne grundlegendes Basiswissen neigt. Die gewünschte Algenblüte entstand zwar durch die Nährstoffzufuhr, wurde aber umgehend von millimetergroßen Ruderfußkrebsen effektiv entsorgt, bevor ein Gewinn in Richtung CO2-Abbau zu verbuchen war.

So ist Skepsis wohl angesagt. Etwas was sogar das britische Unterhaus bewogen hat, eine internationale Behörde für Geoengineering zu fordern. Was sich auch gut an die 200 Forscher gesagt hatten und in Kalifornien deshalb eine recht unverbindliche Abschlusserklärung zusammenbrachten, die mit dem Ratschlag zu mehr Demut verbunden war- und der weisen Erkenntnis, dass Geoingenieure nicht alleine gelassen werden sollten. Deutlicher waren da über 60 Umweltorganisationen, die sich in Bolivien offen gegen globales Engineering ausgesprochen hatten.

Doch genug zu den umliegenden Gedanken. Aktionen wie die vom Alfred-Wegener-Institut könnte man noch unter Feldforschung, mit evtl. vorheriger Abschätzung der Risiken verbuchen. Auch mit dem Thema Energiegewinnung liebt man es, sich aus Umwelt-, bzw. werbetechnischen Gründen mit "Geoengineering" zu schmücken. Doch dies sind eher die vielleicht akzeptablen Ausnahmen. Sehen wir uns deshalb ein paar der Utopien und Projekte an, die in den Köpfen der Ingenieure globale Veränderungen aufgrund technischer Großprojekte ermöglichen sollen, aber eher nach einem guten Geschäft, denn nach realer Umweltschutzmotivation riechen. Projekte jedenfalls, die von den vorher genannten Umweltorganisationen als Plan "B" zum Klimaschutz, mit der berechtigten Begründung, dass "die Welt kein Versuchslabor sei", abgelehnt werden.

Sonnenschirme im All

Der Astronom Roger Angel von der University of Arizona, plant den Planeten mittels 16 Billionen (tatsächlich) dünner und 60 Zentimeter großer Siliziumscheiben abzukühlen, die zwischen Erde und Sonne positioniert werden sollen. Die funkgesteuerten Scheiben sollen zusammen einen gewaltigen Schirm ergeben der bezwecken soll, dass die Sonneneinstrahlung um ca. 1,8 Prozent abgeschwächt wird. Was ausreichen sollte, die mittels CO2 angenommene bewirkte globale Erwärmung auszugleichen. Das Problem dahinter, ist der Transport der gewaltigen Menge an Scheiben. Dies ist so kalkuliert, dass die Scheiben zu Stapeln von je einer Millionen in Containern verpackt- und per elektromagnetischen Schienenkanonen ins All geschossen werden, - wobei 20 solcher kilometerlang aufragender Kanonen rund um die Uhr- und das zehn Jahre lang, ihre Arbeit verrichten müssten.

Natürlich wird hierbei auch der ökonomische Vergleich gezogen. Das ganze Projekt wird auf ca. 1 Bill. Dollar geschätzt. Innerhalb des Emissionshandels kostet die Tonne CO2 z.Zt. ca. 20 Euro, woraus sich der gesamte jährliche Treibhausgas-Ausstoß auf ca. 600 Mill. Euro kalkulieren lässt. Was das Projekt aus Sicht der Ökonomen, für real finanzierbar erklärt. Mit solcherlei Ideen steht Angel beileibe nicht alleine. Andere spekulieren mit riesigen Sonnenschirmen aus Aluminiumgeflecht, wiederum andere mit Millionen von mit Wasserstoff gefüllten Ballons welche ebenfalls das Sonnenlicht abschwächen sollen.

Der Hamburger Meteorologie-Professor Hartmut Graßl kommentiert solcherlei Überlegungen als lineares Denken, in welchem ähnlich wie beim Algenversuch vom AWI, davon ausgegangen wird, dass ein einziger Einschnitt ausreicht um Probleme zu beheben, ohne die tatsächlichen komplexen Wechselwirkungen zu beachten. Mancher Politiker spekuliert sogar bei solchen Projekten mit dem Gedanken, dass man die Sache ja damit im Griff hätte und deshalb gar nicht mehr auf fossile Kraftstoffe verzichten müsste. Wie kurz solche Überlegungen greifen, zeigt Angels Utopie selber. Der von seinen Scheiben produzierte Schatten würde in seinem Konzept gar nicht die Polregionen überdecken, was in Wechselwirkung mit den umliegenden veränderten Bedingungen nicht nur zu gewaltigen Wetterproblemen, sondern auch zu verstärkter Eisschmelze führen würde.

Meeresdüngung

Während vorherige Utopie noch als blanke Überlegung gelten kann, entspringt der Wille CO2 über Algen oder Meeresplankton abzubauen schon konkreteren und längeren Überlegungen. Neben dem Versuch des AWI, wird auch anderweitig mit künstlichen Algen-, und Planktonblüten spekuliert. Alle diesbezüglichen Studien und Versuche liefen aber auf das Ergebnis hinaus, dass die "Düngungstheoretiker" natürliche Vorgänge falsch berechnet hatten oder anderweitig Ergebnisse eintraten, die nicht vorausgesehen wurden. Auch hier wird, wie in der Klimaforschung deutlich, wie gering eigentlich das Wissen alleine über die Wechselwirkungen im Umfeld unserer Meereslandschaften ist, aber sich bereits schon Unternehmen Profit mit dem Umgang damit erhoffen. In diesem Fall eine US-Firma mit dem bedeutsamen Namen "Planktos", welche sich über groß angelegte Eisendüngung gute Geschäfte mit dem Ökologietrend erhoffte.

Künstliche Wolkenproduktion

Die amerikanische Organisation Silver Lining, gegründet vom Unternehmer Kelly Wanser beauftragte eine Gruppe von über 30 Wissenschaftlern die Idee einer Armada automatisch navigierender Schiffe zu untersuchen, welche mittels der Zerstäubung von Seewasser Salzpartikel in die Luft blasen, die als Kondensationskeime die Grundlage für Wolken bilden sollen. Dafür sammelt Silver Lining derzeit Geld für eine Versuchsflotte von zehn Schiffen, die eine Ozeanfläche von 10 000 Quadratkilometern bearbeiten sollen.

Schlusswort

Diese drei Beispiele zeigen nur einen Auszug aus einer wahrhaftigen Fülle von Ideen, Utopien und teilweise sogar bereits unterstützten Projekten im Versuchsstadium. Die einen wollen CO2 über riesige Flügel einfangen und im Erdreich bunkern, andere Millionen Tonnen Schwefel in die Stratosphäre blasen, wiederum andere das ganze Westwindsystem verschieben. Und auch der Traum vom Kraftwerk im Weltraum, der die Energie per Laserstrahl oder Mikrowelle zur Erde schießt, ist nach wie vor aktuell. Und auch das ist nur eine Auswahl vieler anderer Gedanken. Gegen Überlegungen und auch Utopien ist generell nichts zu sagen. Was ängstigt, ist die Kurzsichtigkeit und mangelnde Risikofolgenabschätzung bei ebenso unzureichendem Wissensstand, die sich nach wie vor in ihrer blinden Technikgläubigkeit und einer allzu mechanistischen Denkweise, nicht der realen Komplexität stellt. So bleibt zu hoffen, dass versucht wird Wissen vor Aktion zu sammeln, um wenigstens den schlimmsten Folgeschäden eines Planes "B", keinen Plan "C,D,...usw." folgen lassen zu müssen.

Quellen:
Mehr Demut, Artikel in der Zeit vom 30.03.10
Spiel ohne Grenzen, Artikel SZ vom 07.02.09
Großtechnik gegen die Erderwärmung, Atikel Focus vom 07.05.10
Geoengineering - haben wir überhaupt noch eine Wahl?, Artikel WissensLogs vom 15.04.10
Geoengineering - Cure or Malpractice?, Kolloquium 03.06.09 Kiel Earth Intitute.
Wer bekommt die Welt in den Griff?, Artikel Zeit vom 08.03.10
Phantastische Ideen um die Welt zu retten, Artikel Utopia vom 23.06.10.
Im Maschinenraum des Klimas, Artikel Tagesspiegel vom 23.10.09
Radiokolleg Geoengineering, OE1 ORF
Science Geoengineering, Recherche Science.
Science Geotechnical, Recherche Science.
Nature Geoengineering, Recherche Nature.
Nature Geotechnical, Recherche Nature.


0 Kommentare

Vorheriger Artikel   Übersicht   Startseite   Nächster Artikel
 Kategorien
Pflanzen, Tiere, Mikrokosmos ...
Erde, Umwelt, Geographisches, ...
Mensch, Körper, Psyche, ...
Technik, Informatik, Maschinelles, ...
Alles ausserhalb der Erde, ...
Archäologie, Geschichte, ...
Völker, Länder, Kulturen, ...
Religion, Glauben, Spirituelles, ...
Kunst, Film, Musik, ...
Kritik, PR, Pseudowissenschaft, ...
Unsortiertes, Allerlei, ...
Aktuelle Artikel.
Neuester Artikel. RSS Feed 2.0

Startseite  Impressum  Motivation

Interessante Blogs
Archäologie online
Ladezeit im Forum optimiert
Astrodicticum Simplex
Mein neues Zuhause
de Tempore
Abschied nehmen
Pentaeder projekt blog
feel it
Wissenschafts Cafe
Wissenschaftsblog-Ranking August 2010
Wissenswerkstatt
Lotterie im Bio-Laden: Weshalb Bio-Produkte ein Ärgernis sind
Zeitgeistlos
Schönheitswahn

Interessante Links
Baertierchen
Bild der Wissenschaft
DRadio Portal Wissenschaft
Max Planck Inst. für med. Forschung
Nature
Science
Spektrum der Wissenschaft
Sterne und Weltraum